#Ausgangspunkt

Warum ist der Ausgangspunkt ausgerechnet im Landkreis Ansbach?

Nur wenn die Ausgangslage schwierig ist, kann man modellhaft eine positive Entwicklung anstoßen.

Datenquelle: Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, Stand Mai 2019, eigene Darstellung

Die Gegebenheiten im Landkreis Ansbach sind markant:

  • Der Landkreis Ansbach setzt sich seit vielen Jahren für Familien und den Ausbau der Kinderbetreuung ein, feierte sogar schon 10jähriges Bestehen im bundesweiten Bündnis für Familien.
  • Im Jahr 2013 wurde die erste Großtagespflege im Landkreis eröffnet.
  • Der Landkreis Ansbach ist der flächenmäßig größte Landkreis Bayerns. Mit knapp 2.000 km² ist er fast so groß wie das Saarland (2.570 km²)
  • Die Zahl der aktiven, selbständigen Kindertagespflegepersonen ist seit Jahren rückläufig – zeitweise waren es nur noch rund 20-25 Personen.

Auf eine Fläche von rund 100 qkm entfällt somit durchschnittlich nur eine Betreuungskraft bzw. etwa 3-4 Betreuungsplätze.

  • Für Ausfallzeiten ist eine Ersatzbetreuung organisiert. Der kostenintensive Stützpunkt liegt jedoch weder im Zentrum des Landkreises Ansbach noch in unmittelbarer Nähe der Tagespflegepersonen. Eltern müssen im Extremfall bis zu 40 Kilometer einfach fahren, um ihr Kind zu diesem Stützpunkt zu bringen.
  • Bei Ausfallzeiten (Fortbildung, Krankheit, Urlaub) wird die Geldleistung für bis zu 20 Tage pro Jahr weiterbezahlt – unabhängig von der wöchentlichen Arbeitszeit. Damit ergeben sich bei einer 3-Tage-Woche rund 6,7 Wochen, bei einer 6-Tage-Woche aber nur 3,3 Wochen, in der die Bezahlung weitergewährt wird.
    Ist eine Tagespflegeperson 10 Tage krank und 2 Tage auf Fortbildung, so stehen nur noch 8 Tage für Erholungsurlaub zur Verfügung.
  • Jegliche Art von Zuzahlung der Eltern ist untersagt, weil diese den Elternbeitrag an das Landratsamt Ansbach zahlen. Selbst zusätzliche Kosten, wie die Eintrittskarten für ein Kasperltheater dürfen nicht auf die Eltern umgelegt werden, sondern müssen von den Betreuungskräften getragen werden.
  • Im September wird wegen der Eingewöhnungsphase nur anteilig bezahlt. Dadurch entstehen den Betreuungskräften erhebliche Einkommenseinbußen, wenn sie Eingewöhnung anbieten. Aus pädagogischer Sicht ist eine gute Eingewöhnung aber unbedingt notwendig.
  • Der Landkreis Ansbach geht davon aus, dass ein Monat aus 4,2 Wochen besteht. Er zahlt den vom Jugendhilfeausschuss festgelegten Betrag daher auch nur für (4,2×12 Monate=) 50,4 Wochen aus. Ein Jahr besteht jedoch aus (365/7Tage=) 52 Wochen. Dadurch spart der Landkreis Ansbach viel Geld, das den Betreuungskräften fehlt.
  • Die Erstattung von Sachkosten richtet sich nicht nach den tatsächlichen Kosten und wird auch nicht an der Entwicklung der Lebenshaltungskosten angepasst. Gerade Berufsanfänger mit hohen Erstinvestitionen haben dadurch erhebliche finanzielle Probleme.
  • Der Landkreis Ansbach zahlt einen Stundensatz von maximal 4,20 Euro/Kind/Stunde, davon entfallen auf die Sachkostenerstattung etwa 1,75 Euro und auf die Vergütung der Betreuungsarbeit ca. 2,45 Euro incl. Qualifizierungszuschlag. Zum Vergleich: Die Stadt Ansbach hat einen Stundensatz von max. 7,60 Euro beschlossen. Wenn man die Sachkostenerstattung abzieht, verbleibt mehr als das Doppelte bei gleicher Leistung für die wichtige pädagogische Arbeit.

Eine gelernte Erzieherin erwirtschaftet daher im Landkreis Ansbach durchschnittlich einen zu versteuernden Gewinn i.H.v. etwa 900 Euro. Bei gleicher Leistung errechnet sich bei einer Tätigkeit in der Stadt Ansbach ein Betrag von etwa 2.400 Euro. Von diesen Einnahmen müssen jeweils noch Einkommensteuer und Rücklagen für Ausfallzeiten sowie 50 Prozent der Kranken- und Pflegeversicherung sowie Rentenversicherung bezahlt werden.
(zum Vergleich: der durchschnittliche Monatsverdienst aller Arbeitnehmer in Deutschland liegt bei 3.800 Euro brutto, Stand 2017)

  • Eltern zahlen den Monatsbeitrag an das Landratsamt Ansbach und dabei auch für die Bereitstellung der Verpflegung. Jedoch ist den Eltern nicht bekannt, wie hoch der Anteil der Verpflegung ist und manche Eltern müssen zusätzlich noch die Verpflegung mitbringen.
  • Für Kinder im Alter unter einem Jahr muss eine Schlafwache vorhanden sein, wenn die Kinder in einem separaten Raum schlafen. Der Landkreis Ansbach erwartet dafür die Qualifikation als Erzieherin. In Einrichtungen sind dagegen auch geeignete Hilfskräfte zulässig.
  • Die für eine stetige hohe Betreuungsqualität unerlässliche Supervision muss jede Tagespflegeperson selber organisieren und bezahlen.
  • Hausbesuche und Kontrollen sind wesentliche Merkmale einer Qualitätssicherung. Leider werden an die Beteiligten keine Ergebnis-Protokolle ausgegeben. Eine Nachprüfung ist somit unmöglich; Transparenz wird erschwert.
  • Der Landkreis Ansbach informiert die Eltern schriftlich über den Verdienst der Tagespflegepersonen. Diese Daten fallen allerdings unter die Datenschutzbestimmungen.
  • Die Kosten einer Unfallversicherung werden vom Landkreis erstattet. Allerdings erhalten Tagespflegepersonen mit hohen Sach- und Betriebskosten nur eine niedrige Erstattung, während bei niedrigen Sach- und Betriebskosten eine hohe Erstattung erfolgt.
  • Großtagespflegestellen müssen die Vorgaben für Lebensmittelunternehmer nach EU-Recht einhalten und werden dementsprechend auch behördlich kontrolliert. Gleichzeitig erklärt die Europäische Kommission, dass die entsprechende EU-Verordnung nicht auf Kindertagespflegepersonen anzuwenden ist
  • Es gibt seitens des Freistaates Bayern keine verbindlich vorgeschriebene Untergrenze der Grundqualifizierung. Seit 2015 existiert allerdings das Qualifizierungshandbuch QHB, das 300 UE und Praxiseinheiten empfiehlt. Es wird jedoch kaum umgesetzt.

Die o.g. Rahmenbedingungen sind vermutlich alle im Einklang mit geltendem Recht. Wir wollen jedoch eine positive Entwicklung anstoßen, Angebote für Kinder und Familien schaffen, Chancen und Vorteile für Firmen, Einrichtungen und Behörden aufzeigen und die Qualität nachhaltig verbessern.

…dazu müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.

So entstand das Bündnis für Kindertagespflege.